Gefährliche Liebschaften Schwäbisches Tagblatt 06.12.2006

Im Sog der Intrige

„Gefährliche Liebschaften" im Brecht-Bau-Theater

TÜBINGEN (dhe). Manchmal ist der Bösewicht eben der interessantere Charakter. Das gilt auf jeden Fall für Madame de Merteuil, die berüchtigte Hyper-Intrigantin aus Choderlos de Laclos' berühmtem Briefroman „Gefährliche Liebschaften". Am Montagabend hatte das Skandalwerk aus dem 18. Jahrhundert seine Premiere auf der Brechtbau-Bühne. Die Studierenden-Theatergruppe Ars Bene Agendi, im Sommer 2004 von Rhetorik-Studenten gegründet, gewann unter der Regie von Kerstin Reichelt der formellhöfischen Briefsprache schillernde Bühnenfiguren ab. Die rund 50 Zuschauer dankten es immer wieder mit Zwischenapplaus.
Madame de Merteuil (ebenfalls Kerstin Reichelt) gibt sich auf so elegante Weise zynisch und berechnend, als wäre ihr die Rolle auf den Leib geschrieben. Ihren vertrauten Freund, den Vicomte de Valmont (Moritz Keller) bringt sie schließlich dazu, ihre junge Verwandte Cecüe (Rebecca Drohla) zu verführen - um sich an deren Verlobtem zu rächen, zuvor der Geliebte von Madame. Der Vicomte hat es eigentlich eher auf die sittsame Madame de Tourvel (Trinh Cheng Lay) abgesehen. So setzt eine unerbittliche Intrige ein.
Die Liebe sei dazu da, sie sich zunutze zu machen, verkündet Madame de Merteuil einmal, und nicht, „um sich darin zu verlieren wie in Treibsand". Vor dieser Haltung, die jedes Gefühl der eigenen Macht dienstbar zu machen sucht, können die beiden naiveren Charaktere nur verlieren.
Beinahe tragisch wirkt sie, wenn sie die eigene Zurichtung zur Sprache bringt, die Passivität, zu der sie sich als Frau verdammt fühlt. In der aufgezwungenen Rolle der Zuhörerin, die sie von Jugend an daraufhin perfektioniert hat, „zu hören, was die anderen verbergen" - um des eigenen Vorteils willen.
Während die Sprache des Briefe die Formen des 18. Jahrhunderts ebenso beschwört wie die Abgründe des Begehrens zwischen Verrat, Betrug und Grausamkeit, weist das minimalisti-sche Bühnenbild in Weiß, Grau, Schwarz und Rot mit Stahlkantensofa ganz in die Gegenwart.


   
 
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