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Einander ausgeliefert
Strindbergs „Fräulein Julie" auf der Brechtbau-Bühne
TÜBINGEN (dhe). Sie gehören zu den unglückseligen Verdammten in der Geschichte der liebe. In eine Reihe mit Romeo und Julia oder Tristan und Isolde haben es Strindbergs „Fräulein Julie" und der Diener Jean allerdings nie geschafft. Vielleicht, weil das Verlangen aus einer Laune heraus eben nicht so stark anrührt wie die Tragik der oben genannten großen Liebenden. Vielleicht, weil die (Klassen-)Verhältnisse, die sie verkörpern, sich schon so sehr überlebt haben, die Figuren aber doch als asymmetrisches, „ungleiches" Paar erscheinen lassen. Am Mittwochabend machte das Strindbergsche Fräulein, nach einer eindringlichen Zimmertheater-Inszenierung vor Jahren, wieder einmal Tübingen seine Aufwartung: als Brechtbau-Premiere der Studie-rendentheatergruppe Ars Bene Agendi unter der Regie von Kerstin Reichelt,
Wenn Kristin (Kerstin Reichelt), die Köchin, deren Küche der Schauplatz der Verstrickungen ist, eingangs über Fräulein Julie (Rebecca Drohla) sagt - „sie gibt nicht acht auf sich" - spricht sie damit gewissermaßen das Urteil über das Fräulein. Gleichzeitig deutet sich schon an, dass Kristin in dieser Dreiecks-Konstellation am meisten sie selbst bleiben, am wenigsten Schaden nehmen, verunsichert werden wird.
Wenn Fräulein Julie mit Korkenzieherlöckchen und Abendrobe in die Küche tritt, wirkt sie wie eine klassizistische Miniatur und damit wie ein Fremdkörper, ein mutwilliger Eindringling in die alltägliche Intimität von Kristin und Jean (Moritz Keller), dem die Köchin eben ein einfaches Abendessen bereitet hat.
Insofern nimmt man dieser Inszenierung nicht ganz ab, dass Diener und Herrin möglicherweise schon seit Kinderzeiten eine heimliche Zuneigung verband, eine Anziehung wider Willen, deren zerstörerische Anteile von Hass und Demütigung spätestens nach dem Liebesakt (den die Inszenierung als Defloration interpretiert und in Jeans von der Bühne aus nicht einsehbare Kammer verlegt) offen zutage treten. Allein Kristin, in einem geisterhaften Licht, „sieht", was in der Kammer geschieht.
Wie erloschen ist Fräulein Julies Gesicht, als sie mit einem blutigen Tuch wieder in die Küche kommt. Halbgar wirken die Fluchtpläne der beiden. „Du hast einfach nicht die Energie für den Erfolg", schleudert Fräulein Julie dem Diener-Liebhaber Jean entgegen. In solchen Augenblicken wirken die beiden wie ein beliebiges zerstrittenes Paar von heute.
Weitere Aufführungen sind, jeweils um 20 Uhr, heute Abend sowie von Montag, 7. Mai, bis Mittwoch, 9. Mai, im Brecht-Bau-Theater.
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