Minna von Barnhelm Schwäbisches Tagblatt 06.12.2006

Eine Liebe aus Bollywood

Lessings "Minna von Barnhelm" am BrechtBauTheater

TÜBINGEN (dhe). Diese Herberge liegt eindeutig nicht in Preußen. Es ist das mit bunten indischen Tüchern drapierte Delhi Plaza Inn. Der Mann in der streng geschnittenen grünen Jacke wirkt darin sehr fremd, wie aus einer anderen Galaxie. Es ist ein Bühnenbild, das vom Bollywood-Kino des 21. Jahrhunderts zurückblickt auf Gotthold/Ephraim Lessirigs Lüstspiel „Minna von Bärnhelm" aus'dem Jahr 1763. Der strenge Mann ist Major von Tellheim (Manuele Pilloni).
Seine Geschichte ist beinahe ein Melodram. Ein Mann kehrt zurück aus dem Krieg. Er gehört zu den Siegern, aber ihn persönlich droht der Krieg zu ruinieren. „Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der Bettler, der Krüppel." In dieser Position des sozialen Todes glaubt er, sich ein privates Glück an der Seite des reichen Fräuleins von Bamhelm aus Gründen der Ehre versagen zu müssen. „Es ist eine nichtswürdige liebe, die kein Bedenken trägt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen."
Doch schon Lessing hat den Stoff als Lustspiel angelegt. Die Bollywood-Kulisse zieht dem Geschehen eine weitere ironische Ebene ein und be-tont zugleich dessen Gültigkeit in einer globalisierten Welt. So liegen die besetzten Gebiete auf der Brechtbau- Bühne nicht in Sachsen wie bei Les-sing, sondern im indischen Punjab.
„Klassiker sind prädestiniert für diese Art der Inszenierung", findet die Regisseurin Kerstin Reichelt von der Brecht-Bau-Theatergruppe Ars Bene Agendi. Die promovierte Geologin hat wollte schon lange unbedingt selbst auf der Bühne arbeiten. Sie kann" dabei auf Hospitanzen als Kostümbildnerin am Staatstheater Stuttgart und am Tübinger Landestheater zurückgreifen.
Dem Ensemble gelingt es, durch die altertümlich-präzise Sprache Les-sings und die abgedrehten Tanz-Einlagen in Bollywood-Tradition, die Erotik nur andeuten, eine originelle eigene Handschrift zu entwickeln -statt der „fast allgegenwärtigen (Bühnen-)Sprache der Obszönität, Sexualtät und (...) Gewalt", wie es im Programmheft heißt. So ist es ein Vergnügen, dieser Minna von Barnhelm (Anne Thoma) dabei zuzusehen, wie sie um ihren Major kämpft. Ihr glückt eine reizvolle Mischung aus sehr heutigem Selbstbewusstsein und den geistreichen Höflichkeiten des 18. Jahrhunderts.


Weitere Aufführungen sind am Heutigen. Mittwoch und am morgigen Donnerstag, jeweils um 20 Uhr im Brechtbau-Theater.

   
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