Wer hat Angst vor Virginia Woolf Schwäbisches Tagblatt 07.05.2008

UNTER WÖLFEN
Ars bene agendi spielt Albee's Klassiker

Tübingen. Jede Inszenierung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" steht heute unweigerlich vor einem Problem: Liz Taylor und Richard Burton waren 1966 in der Verfilmung von Edward Albee's Eheabschreckungsdrama einfach die unüberbietbare Alp-Traumbesetzung - schon allein durch den Startvorteil, den Geschlechterkrieg nicht spielen zu müssen.

- Die Masken fallen -

Ob Regiesseur, Schauspieler, Zuschauer, ob man will oder nicht: Man hat den Film nunmal im Kopf. Und im Nacken. Dennoch hat Ars Bene Agendi keine Angst vor Virginia Woolf. Zunächst einmal spielt die studentische Theatergruppe am Rhetorischen Seminar das existentialistische Drama in einer eigenen, vollmundigen Übersetzung. Natürlich kann man Idil Ünver (Martha) und Moritz Keller (George) keinen zwanzigjährigen Stellungskrieg in einer maroden Ehe ansehen. Obwohl künstlich graumeliert, sind sie nunmal nicht verbraucht und vom Leben gezeichnet.
Dafür spielen sie umso frappierender und tatsächlich vergisst man sehr schnell, dass die beiden noch nicht einmal Mitte Zwanzig sind. In Kellers Schonhaltungen und blockierten Bewegungen sieht man den gebrochenen Versager auf der Zielgeraden in die Midlife-Crisis. Auch Ünver verwandelt sich geradezu beängstigend in eine angeschlagene, beschädigte Mittvierzigern, die noch einmal all ihre weiblichen Reize aufbietet, um in der Notblüte die sehr viel jüngere auszustehen. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Nach einer Party gerät ein junges Pärchen unversehens zwischen die Fronten: Hannes Hornbacher gibt den aufstrebenden Juniorprofessor als Karrierist mit Pokerface, kalt berechend hinter der unverbindlichen Biedermann-Fassade. Cheng Lay spielt seine Vorzeigegattin Honey mit Lust am Totalabsturz als naive Partymaus.
Der Alkoholpegel steigt, die Hemmschwelle sinkt, die Masken fallen. Nach den ersten verbalen Ausfallerscheinungen entgleist die Situation vollends. Man geht einander erst an die Wäsche, dann an die Gurgel. Am Ende sind die letzten Illusionen zerstört. Die beste Lebenslüge macht keine heile Welt. Aber vielleicht gibt es eine Chance auf Heilung.

- Bitterböse Seite -

Bei Taylor und Burton wirken die bürgerlichen Exorzismen und Selbstentblößungen vor allem beklemmend, mitunter aber auch unerträglich peinlich. In der Inszenierung von Idil Ünver und Manuele Pilloni kommt hinter dem nihilistischen Zynismus eine bitterbös komödiantische Seite zum Vorschein, vom Quartett pointensicher ausgespielt. Das Premierenpublikum am Montag hatte die zwei Stunden über viel zu lachen.
ach

 

A. Keller, Email vom 13.05.2008

Hallo,
ich wollte euch noch gratulieren. Euer Stück hat mich sehr beeindruckt. Eure Besetzung war nahezu perfekt. Es war einfach so ein schönes, rundes Ding und es hat wirklich viel Spaß gemacht. Obwohl ich es auch sehr hart fand, fast gruselig und danach war ich richtig mitgenommen. Ganz, ganz großes Theater!! Ihr wart umwerfend! Weiter so!

   
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